15. Mai 2012 – Ausstellungseröffnung: Was Wir sehen

Ausstellungseröffnung

Was Wir Sehen

Bilder, Stimmen, Rauschen.
Zur Kritik anthropometrischen Sammelns

Eine Ausstellung von Anette Hoffmann
mit Beiträgen von Regina Sarreiter und Britta Lange/Philip Scheffner

Dienstag, 15. Mai 2012, 18.00 Uhr

Atrium im Pergamon-Palais
Georgenstraße 47
10117 Berlin

Flyer zur Ausstellung (PDF)

Ausstellungsdauer: 15. Mai bis 6. Juli 2012

Öffnungszeiten: Montags bis freitags von 12 – 16 Uhr
und nach Vereinbarung

 

Im scharfen Kontrast zu der ihnen zugedachten Rolle als „Rassenexemplare“ präsentieren sich die Sprecherinnen und Sprecher in den Tonaufnahmen als soziale Akteure, indem sie aus ihrer Lebenswelt berichten, einen literarischen Text rezitieren oder scharf gegen die anthropometrische Praxis protestieren.
Die Ausstellung setzt sich anhand von Lichteneckers Dokumenten, insbesondere seinen Fotografien und seinem Tagebuch, kritisch mit der Produktion seines anthropometrischen Archivs auseinander. Die Objektivierung von Menschen, die in der visuellen Repräsentationspraxis, die in Lichteneckers Archiv produziert wurde, zum Ausdruck kommt, wird durch die Kommentare der betroffenen Menschen gebrochen und infrage gestellt. In der Ausstellung sind diese Kommentare in den Sprachen Otjiherero und Khoekhoegowab hörbar und in deutscher Übersetzung zugänglich. Sie legen nicht nur den damals erniedrigenden Prozess der Klassifizierung nach „Rassen“ und Typen bloß. Sie enthalten auch gezielt formulierte „Nachrichten an Deutschland“, die erst jetzt zu hören sind.

Die Ausstellung porträtiert fünf der 1931 beteiligten Namibierinnenund Namibier mittels Fotografien, Tonaufnahmen und Texten: Lena und Haneb (in beiden Fällen ist kein Nachname bekannt) sowie Andreas Goliath, Wilfred Tjiueza und Isaak Witbooi. In Videointerviews aus dem Jahr 2008 erinnern sich Nachfahren oder Verwandte an sie.

Zusätzlich haben junge Kunstschaffende aus Namibia und Südafrika – Alfeus Mvula, Sanell Aggenbach, Lonwabo Kilani, Mustafa Maluka und Mzuzile Mduduzi Xakaza – die 1931 fotografierten Namibier für die Ausstellung re-portraitiert.

Ihre Kunstwerke stehen im Dialog mit den anthropometrischen Fotografien, den Stimmaufnahmen und den Videos und schaffen so unterschiedliche Varianten der Repräsentation.

Was Wir Sehen beleuchtet Aspekte imperialer Darstellungspraktiken, bei denen die Produktion von Bildern und Abbildungen der/des Anderen im Mittelpunkt steht. In der Wechselwirkung zwischen aktueller künstlerischer Darstellung, dem audiovisuellen Archivmaterial und rezenten Erinnerungen erweitert die Ausstellung den Blickwinkel unserer „Wahr“-nehmung.

Die Ausstellung Was Wir Sehen setzt sich mit der verstörenden Geschichte historischer Ton- und Bilddokumente aus dem südlichen Afrika auseinander. Im Zentrum steht das 1931 von dem deutschen Künstler Hans Lichtenecker (1891–1988) als „Archiv aussterbender Rassen“ angelegte Körperarchiv von Afrikanerinnen und Afrikanern in Namibia, dem ehemaligen (Deutsch-) Südwestafrika. Was Wir Sehen rückt das Sprechen jener Menschen in den Mittelpunkt, die innerhalb eines kolonialen Kontextes Gesichtsabformungen, Körpervermessungen, anthroprometrisches Fotografieren und Stimmaufnahmen erdulden mussten. Auch Stimmen galten als anthropologisches Sammlungs- und Klassifizierungsgut und wurden von Lichtenecker auf Wachswalzen aufgezeichnet. Erst 2007 konnten die originalen Wachswalzen digitalisiert werden. Anschließend wurden sie in Namibia transkribiert und übersetzt. Die Übersetzungen ergaben erstaunliche, oft bestürzende Kommentare zu Lichteneckers Abbildungs- und Vermessungsprojekt, aber auch zur kolonialen Lebenssituation von Afrikanerinnen und Afrikanern im Namibia von 1931.

Die Ausstellung konstruiert einen fragilen Raum von Bildern und Stimmen, Geschichten und Porträts, historischen Dokumenten und aktuellen Kunstwerken. Das koloniale Körperarchiv von Hans Lichtenecker wird nicht nachgebildet. Vielmehr werden seine audiovisuellen Repräsentationspraktiken kritisch und mittels unterschiedlicher Ton- und Bildmedien beleuchtet. Zur Ausstellung liegt der mit vielen Fotografien, Tontranskriptionen und Übersetzungen von Anette Hoffmann herausgegebene wissenschaftliche Aufsatzband What We See. Reconsidering an Anthropometrical Collection from Southern Africa: Images, Voices, and Versioning vor.

Programm

15.05.2012, 18 Uhr Eröffnung

Mit einem Vortrag von Dr. Anette Hoffmann

30.05.2012, 18 Uhr Filmvorführung

Philip Scheffner: The Halfmoon Files.
A Ghost Story… (2007)
mit anschließender Diskussion in Anwesenheit des Regisseurs

06.06.2012, 18 Uhr Filmvorführung

Sarah Vanagt: Boulevard d‘Ypres (2010)
mit anschließender Diskussion in Anwesenheit der Regisseurin

08.06.2012, 10-18 Uhr

Workshop „Listening to Colonial Archives“

05.07.2012, ab 17 Uhr

Abschlussveranstaltung mit Gespräch zu „Sensiblen Sammlungen“ mit Britta Lange und Regina Sarreiter

Zur Ausstellung erscheint die Publikation Was Wir Sehen. Bilder, Stimmen, Rauschen. Zur Kritik anthropometrischen Sammelns mit Texten von Anette Hoffmann, Britta Lange und Regina Sarreiter.

Für Anfragen zu Führungen und weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
regina.sarreiter@hu-berlin.de

Eintritt frei.