Das Feld der Digitalen Kunst- und Bildgeschichte

Das Feld der Digitalen Kunst- und Bildgeschichte. Versuch einer Gliederung

Georg Schelbert

Ebenso wie Geisteswissenschaftler generell schon seit langer Zeit mit digitalen Werkzeugen arbeiten  – etwa bei der Textverarbeitung, oder im Bibliographiewesen – setzt auch die Kunstgeschichte durchaus schon seit längerem digitale Technologien ein. Typische Anwendungen wie die Katalogisierung von Werken und deren Abbildungen fand jedoch zunächst in bestimmten Sparten, eher außerhalb der akademischen Forschung, statt (Museumswesen, Denkmalpflege). Gegenüber forschenden Analyseverfahren, die in den Textwissenschaften im Vordergrund standen, waren hier eher Erfassung und Erschließung in digitalen Formaten gefragt. Die höheren technischen Anforderungen im Umgang mit Grafikformaten erlaubten den Umgang mit Bilddaten zunächst nur in professionellem Rahmen innerhalb einschlägiger Institutionen. Online-Bilddatenbanken wurden erst gegen Ende der 1990er Jahre im Zuge größerer Datenbandbreiten im Internet möglich und noch heute sind die Bereitstellung hochaufgelöster Bilder und dreidimensionaler Objekte eine Herausforderung für die Internet- und Browsertechnolgie. In den letzten Jahren hat der Technologiestandard unterhalb des Großgerätebereichs jedoch stark aufgeholt und ist durch die Entwicklung der Spieletechnologie sogar eher zum Schrittmacher geworden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Gebiet zu gliedern. Grundsätzlich ist es so vielfältig wie die Disziplin Kunstgeschichte selbst. In fast allen ihren Bereichen kann man digitale Methoden anwenden. Insbesondere in der Überschneidung mit Nachbarfeldern, in denen ohnehin quantitative Methoden zum Instrumentarium gehören, wie z.B. der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Geographie, Wahrnehmungspsychologie, Materialforschung.

Digitale Kunst- und Bildgeschichte in den Digital Humanities

Die Berührungsflächen und Überschneidungen mit Nachbargebieten sind groß: Text- und Quellenerschließung in den Geschichts- und Sprachwissenschaften, Objektmodellierung in Architektur und Archäologie, Katalogwesen in Archiv und Bibliothek, neue Vermittlungsformen in den Bildungswissenschaften stellen jeweils Aufgaben dar, die sich ähnlich auch innerhalb der Kunst- und Bildgeschichte finden. Als eigene Forschungsgebiete blicken sowohl die Digitale Kunst- und Bildgeschichte als auch die Digital Humanities auf die fundamentalen methodischen Veränderungen, die sich aus dem Einsatz elektronischer Medien ergeben. Diese sind im Idealfall nicht nur eine Weiterführung traditioneller Arbeitsformen, sondern ergänzen und erweitern diese in neuer Weise.

Gliederung nach Aufgabenfeldern

Dokumentation

Inzwischen werden nicht nur zweidimensionale Abbildungen, sondern auch dreidimensionale Nachbildungen von Artefakten und Bauwerken erstellt und gespeichert. Für die zugehörigen Metadaten, die aufgrund der Heterogeneität von Artefakten weitaus schwieriger zu definieren sind als etwa im Fall von Büchern, haben sich immer ausgefeiltere Schemata etabliert. Sowohl Werkkataloge von KünstlerInnen als auch Arbeiten zu bestimmten ikonographischen, formalen oder sonstigen Merkmalen setzen die adäquate Erfassung eines Materialkorpus voraus. Museen und Denkmalpflege arbeiten schon lange mit bewährten Erschließungssystemen. Für Einzelanwender und kleine Projekte mangelt es hingegen noch an standardisierten Werkzeugen. So entstanden und entstehen zahllose individuelle Lösungen, die bislang weitgehend unverbunden bleiben. Die weitere Erschließung und Zusammenführung von digitalen Daten wird zukünftig eine immer größere Bedeutung erhalten. Durch das Internet und den wachsenden Umfang an online verfügbarem Material setzen sich bei der Dokumentation von Objekten und Bildern zunehmend vernetze Strukturen durch (linked data). Mit derartigen Konzepten können Daten und Informationen aus verschiedenen Kontexten aggregiert werden und dennoch eine Gesamtheit bilden. Spezifische Verbindungen führen dabei zu einer zusätzlichen inhaltlichen Anreicherung (semantic web) und schaffen Möglichkeiten für interdisziplinäre Anknüpfung und neue Ergebnisschnittmengen.

Analyse

Interaktive Umgebungen ermöglichen kollaboratives Arbeiten und die Beteiligung eines breiteren Publikums (crowd sourcing, in der Kunstgeschichte insbesondere social tagging). Angesichts der Heterogeneität der Gegenstände und der Dokumentationsformen spielt das quantitative und analytische Element in der Digitalen Kunstgeschichte nach wie vor eine eher geringe Rolle. Im Bereich der Quellentexte und Forschungsliteratur teilt sich die Kunstgeschichte die Analyseverfahren mit den anderen historischen Wissenschaften. Mit zunehmender Menge von Daten (durch immer flächendeckendere Katalogisierung) und automatisierter Erhebung von Daten an den Objekten und in deren Umfeld (z.B. technologischen Untersuchungen; Besucherverhalten etc.) kommt jedoch auch in den materialbezogenen Disziplinen der Auswertung eine immer größere Bedeutung zu. Ein besonders entwicklungsfähiges Feld ist dabei das digitale Bild. Mittlerweile ist es in greifbare Nähe gerückt ist, dass Programme der Pattern Recognition differenzierte Ergebnisse liefern können, die für kunst- und bildgeschichtliche Forschung eine Basis bilden. Daher ist abzusehen, dass der digital gestützten direkten Auswertung von Bilddateien eine enorme Bedeutung zukommen wird. Dann werden Bilder nicht mehr auf der Basis ihrer Katalogisierung gefunden, gruppiert und klassifiziert, sondern aufgrund von Algorithmen, die die formalen Qualitäten analysieren. Für heuristisch orientierte geisteswissenschaftliche Arbeit wird das immer nur eine Art Vor-Analyse darstellen, die jedoch das Arbeiten grundlegend revolutionieren wird.

Vermittlung

In diesem Bereich sind die Entwicklungen noch wenig überschaubar und forschungspolitisch bislang noch unterschätzt. Gerade im Bereich der Kunstgeschichte mit der enormen Materialfülle Ihres Gegenstands wird sich die Unterscheidung in „Publikation“ und „Erschließung von Material“ erheblich ausdifferenzieren. Katalogartige Erschließungen, die früher in Buchform gedruckt wurden, können viel besser in Form von Datenbanken zugänglich gemacht werden. Digital können auch einzelne Sachverhalte ohne Zeitverlust als Mikropublikationen zugänglich gemacht werden. Neue semantischen Strukturen von Datenbanken werden hier neue Formen schaffen, die einen stufenlosen Übergang von der Materialpublikation über Mikropublikationen (als Datenbankausschnitt) bis hin zu komplexen Gesamtdarstellungen (in klassischer Textform) ermöglichen. Die bisherigen Strukturen der Social Media reichen dafür allerdings noch nicht aus, denn trotz aller gegenteiligen Beteuerungen stehen bei FaceBook, Twitter u. Co. die personenbezogenen Aspekte im Vordergrund, so dass diese eher ein Ersatz für persönliche Kontaktformen (Gespräch, Vortrag), als für Materialerschließungen oder Fachpublikationen sind.

Gliederung nach inhaltlichen Feldern

 Sie hierzu die Seite des Arbeitskreises Digitale Kunstgeschichte (Arbeitsfelder der Digitalen Kunstgeschichte) [zu ergänzen]