Die Bildmedien der Kunstgeschichte

Die Bildmedien der Kunstgeschichte

Die Bildmedien der Kunstgeschichte

Tagung und Workshop am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin

(20.-21. Juni 2003)

Zeitraum und Tagungsort

Freitag, 20. Juni 2003 von 14 bis 19 Uhr und Samstag, 21. Juni 2003 von 10 bis 18.30 Uhr.
Raum 310 im Gebäude des Kunstgeschichtlichen Seminars der Humboldt-Universität zu Berlin, Dorotheenstraße 28, Berlin-Mitte.

Konzeption

Wiebke Ratzeburg M.A., Ingeborg Reichle M.A., Dr. des. Barbara Schrödl

Sektionen

Die Institutionalisierung der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert
Mediendiskussion im 19. Jahrhundert
Das bewegte Bild und die Kunstgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die digitale Revolution in der Kunstgeschichte

Mit Beiträgen von

Nicola Doll, Anja Zimmermann, Wiebke Ratzeburg, Angela Matyssek, Annette Tietenberg, Barbara Schrödl, Andres Janser, Fritz Kestel, Ingeborg Reichle, Thomas Lackner und Markus Paulußen.

Programm und Information

(Einführende Texte und Programmplan, Abstracts und Biografische Hinweise)

Reader – Die Bildmedien der Kunstgeschichte (pdf)

Info und Kontakt

Ingeborg Reichle M.A.
Kunstgeschichtliches Seminar
Humboldt-Universität zu Berlin
Sitz: Dorotheenstr. 28
Post: Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel: +49(0)30-2093-4301
Fax: +49(0)30-2093-4209
ingeborg.reichle@culture.hu-berlin.de

Mit freundlicher Unterstützung
der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung

Seit einigen Jahren ist in der universitären Kunstgeschichte ein Wandel vom Einsatz der analogen Fotografie hin zu digitalen bildgebenden Verfahren zu beobachten. Dies betrifft sowohl die Forschung als auch die Lehre. Die unabweisbare Relevanz der fortschreitenden Neuerungen im Bereich der Informationstechnologien und die immer deutlicher hervortretenden Umwälzungen durch die neuen Medien lassen deren Integration und Etablierung in die Wissenschaftspraxis als folgerichtige Anpassung des Wissenschaftssystems an diesen Wandel begreifen. Die digitale Revolution besetzt heute immer größere Bereiche des Feldes mit Namen Bild und wirkt zudem auf die analoge Fotografie zurück, jenes im Verschwinden begriffene Medium, das den Prozess der Institutionalisierung und Verankerung der Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin an den Universitäten seit der Jahrhundertwende stetig begleitete. Seit der Durchsetzung und breiten Akzeptanz der Fotografie vor mehr als hundert Jahren ist die gedruckte Fotografie in wissenschaftlichen Publikationen und das stehende Lichtbild im Hörsaal als das adäquate Medium zur Veranschaulichung von Kunstwerken und kunsthistorischem Wissen mit einer Ausschließlichkeit akzeptiert worden, die an den Einsatz anderer Medien kaum mehr denken ließ. Vormals bloß optische Hilfsmittel evozierten mit der Zeit eine diskursive Maschinerie, die durch technische Apparate hervorgebrachten Bilder schlichen sich in den Prozess kunstwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung ein und wirkten sowohl auf Forschungsthemen als auch das methodische Instrumentarium ein. Gerade im Falle der Fotografie verstellt das aus dem Anspruch einer automatischen Aufzeichnung hervorgehende, spezifische Objektivitätsversprechen die erkenntnisleitende Funktion der instrumentellen Bildwelten. Die kunsthistorische Fotografie blieb in Folge dessen weitgehend unbefragt und konnte das kunsthistorische Denken umso nachhaltiger prägen. Erst im Zuge der Etablierung der neuen Medien wurden die „alten“ Medien der universitären Kunstgeschichte befragt.

Deutlich wurde, dass die Herausbildung der Disziplin Kunstgeschichte und der Einsatz der Fotografie eng miteinander verbunden sind. Die gegenwärtige Aneignung der Bilder durch den Computer und dessen Metamorphose von einer Universalmaschine zum universalen Medium – und somit in der Folge auch zum Wegbereiter einer digitalen Wissensordnung – stellt sich daher für die Kunstgeschichte als eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Doch gerät bei den aktuellen Konzeptionen zum Einsatz neuer Medien in der kunstwissenschaftlichen Vermittlung oftmals aus dem Blickfeld, dass nur über eine umfassende Erforschung der instrumentellen Rolle des Bildes auch der „traditionellen“ Medien der Kunstgeschichte ein notwendiges Bezugssystem zu einer Integration und den potenziellen Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien im kunstwissenschaftlicher Arbeiten erfolgen kann.

1. Sektion: Die Institutionalisierung der Kunstgeschichte

Aufgrund der komplexen Fragestellung soll die Tagung in vier Sektionen gegliedert werden. Einführend will die Sektion Die Institutionalisierung der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert den Einzug der technischen Bilder im Prozess der Institutionalisierung der universitären Kunstgeschichte in der Mitte des 19. Jahrhundert aufzeigen. In einem weiteren Schritt sollen die Vorstellungen von objektiver wissenschaftlicher Bildproduktion im 19. Jahrhundert herausgearbeitet und deren Bedeutung für den kunstwissenschaftlichen Diskurs sowie die Positionierung der Kunstgeschichte im System der Wissenschaften fokussiert werden. Am Beispiel anatomischer Visualisierungstechniken im 19. Jahrhundert wird der Blick auf die Bildmedien der Kunstgeschichte in den Kontext der Wissenschaftsgeschichte gestellt, um Kontinuitäten und Brüche zwischen den instrumentellen Bildwelten von Geistes- und Naturwissenschaften deutlich werden zu lassen.

2. Sektion: Mediendiskussion im 19. Jahrhundert

Die zweite Sektion mit dem Titel Mediendiskussion im 19. Jahrhundert soll die kontroversen Diskussionen um die Integration der Fotografie und der Lichtbildprojektion in die Kunstgeschichte nachzeichnen. Im Zentrum steht der langwierige Aushandlungsprozess um das Verhältnis von mechanischer Reproduktion zu älteren manuellen Reproduktionsverfahren. Die Argumentation beispielsweise, dass manuell gefertigte Stiche im Gegensatz zu Fotografien, zwar nicht jedes Detail, doch den „Geist“ eines Kunstwerkes wiedergeben könnten, die sich gegen die Einführung technischer Reproduktionen wandte, führte letztlich zu einer Distanzierung von der Reproduktionsgrafik zu Gunsten der Fotografie. Eine Analyse der Aushandlungsprozesse um die Bildmedien der Kunstgeschichte geht keineswegs im Blick auf die Erfolgsgeschichte auf, sondern erfordert auch eine Auseinandersetzung mit dem Scheitern im Versuch der Etablierung neuer Bildtechnologien.

3. Sektion: Das bewegte Bild und die Kunstgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die dritte Sektion Das bewegte Bild und die Kunstgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts will der Frage nachgehen, warum die akademische Disziplin Kunstgeschichte einer filmischen Abbildung von Kunst und Architektur nach einer kurzen Phase der Offenheit in den 1940er Jahren eine fast vollständige Absage erteilte. Die Frage nach dem Verhältnis der Kunstgeschichte zum Film erhält ebenso im Kontext der Erweiterung der Kunstgeschichte zur Bildwissenschaft wie der Möglichkeit einer Einbeziehung bewegter Bilder in die digitalen Bildarchive neue Aktualität.

4. Sektion: Die digitale Revolution in der Kunstgeschichte

Die abschließende Sektion Die digitale Revolution in der Kunstgeschichte setzt bei der gegenwärtigen Diskussion an, die zwischen der Vorstellung einer digitalisierten Kunstgeschichte, die die analogen Arbeitsweisen in effizientere digitale überführen will, und einer digitalen Kunstgeschichte oszilliert, welche vorgibt, durch digitale Medien neue Wege im kunstwissenschaftlichen Erkenntnisprozess zu beschreiten. Es gilt, den Gedanken einzubringen, dass es heute weniger um die Ablösung und Verdrängung eines „alten“ Mediums durch ein innovativeres „neues“ Medium bzw. Multimedia geht als vielmehr um die Einbindung dieser Diskussion in einen größeren Untersuchungszusammenhang, der die enge Verknüpfung der Methodik der Kunstgeschichte mit ihren technischen Apparaten reflektiert. Darüber hinaus ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass die digitale Revolution in der Kunstgeschichte mit dem fortschreitenden Einsatz digitaler Bildverarbeitungs- und Speichersysteme sowie der Öffnung des kunstgeschichtlichen Themenspektrums in Richtung einer außerkünstlerischen Bildproduktion und einem Wandel der künstlerischen Praxis in Richtung der digitalen Medien einherging und nach neuen Formen der Visualisierung, Strukturierung und Archivierung von Wissen durch den Computer und der Verbreitung derartiger Konzepte über das Internet verlangt.

Das skizzierte Themenspektrum der Tagung „Die Kunstgeschichte und ihre Bildmedien“ fokussiert die Frage nach den Bildmedien der Kunstgeschichte auf die bildgebenden Verfahren der akademischen Disziplin. Gezielt wird damit der Blick auf den Einsatz technischer Reproduktionsverfahren gelenkt, um der Debatte um die digitale Revolution in der Kunstgeschichte durch eine transdisziplinäre Ausrichtung und eine historische Perspektive neue Impulse geben zu können.

Programm

Freitag, 20. Juni 2003, 14.00 Uhr

Begrüßung
Prof. Dr. Susanne von Falkenhausen
Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Kultur- und Kunstwissenschaften

Freitag, 20. Juni 2003

Sektion 1 – Die Institutionalisierung der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert

Moderation: Ingeborg Reichle M.A.
Humboldt-Universität zu Berlin

14.15 Uhr
Bildmedien als Katalysatoren des Institutionalisierungsprozesses der Kunstgeschichte
Nicola Doll M.A.
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

15.00 Uhr
Hände. Zur Rolle von Künstler, Wissenschaftler und Medium in der Visualisierung von anatomischem und kunsthistorischem Wissen im 19. Jahrhundert
Dr. Anja Zimmermann
Universität Hamburg

15.45 Uhr
Kaffeepause

Sektion 2 – Mediendiskussion im 19. Jahrhundert

Moderation: Wiebke Ratzeburg M.A.
Museum für Photographie Braunschweig

16.15 Uhr
Die Kunstgeschichte und das technische Bild. Die Etablierung von Photographie und Lichtbildprojektion als Studien- und Lehrmittel im 19. Jahrhundert
Wiebke Ratzeburg M.A.
Museum für Photographie
Braunschweig

17.00 Uhr
Inventare der Erinnerung. Kunsthistoriker über die fotografische Reproduktion von Kunst
Angela Matyssek M.A.
IFK Internat. Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien
Humboldt Universität zu Berlin

17.45 Uhr
Kaffeepause

18.15 Uhr
Die Buchseite und ihre Folgen. Der Einfluss der Fotografie auf Kunstgeschichte und Ausstellungswesen
Dr. Annette Tietenberg
„form – Zeitschrift für Gestaltung“ (Frankfurt am Main)
Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg

19.00 Uhr
Gemeinsames Abendessen

Samstag, 21. Juni 2003

Sektion 3 – Das bewegte Bild und die Kunstgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Moderation: Dr. des. Barbara Schrödl
Carl von Ossietzky Universität
Oldenburg/Berlin

10.00 Uhr
Vom Scheitern eines Mediums. Die Kunstgeschichte und die filmische Repräsentation von Architektur
Dr. des. Barbara Schrödl
Carl von Ossietzky Universität
Oldenburg/Berlin

10.45 Uhr
Der Architekt(urhistoriker) im Kino
Dr. Andres Janser
Hochschule für Gestaltung und Kunst
Zürich

11.30 Uhr
Kaffeepause

12.00 Uhr
Walter Heges Filme Das Steinerne Buch und Die Bauten Adolf Hitlers als Beispiele nazistischer Überwältigung
Dr. Fritz Kestel
Bamberg

12.45 Uhr
Gemeinsames Mittagessen

Sektion 4 – Die digitale Revolution in der Kunstgeschichte

Moderation: Ingeborg Reichle M.A.
Humboldt-Universität zu Berlin

14.30 Uhr
Kunst – Bild – Wissenschaft. Zum Einsatz analoger und digitaler Medien in der Kunstgeschichte und ihrer wissenskonstituierenden Bedeutung
Ingeborg Reichle M.A.
Humboldt-Universität zu Berlin

15.15 Uhr
Albertis Neue Spielzeuge. Kunstgeschichte im Zeitalter der Globalisierung
Thomas Lackner M.A.
Kunstgeschichte.de e. V.
Frankfurt am Main

16.00 Uhr
Kaffeepause

16.30 Uhr
Bildspeicher Internet. Grenzen und Möglichkeiten der digitalen Kunstgeschichte im WWW
Dr. Markus Paulußen
Universität Bielefeld

17.30 Uhr
Abschlussdiskussion

Ca 18.30 Uhr: Ende der Veranstaltung