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DOR 28 Fassade

Das Gebäude des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte in der Dorotheenstraße 28 (bis 1945 Dorotheenstr. 9) wurde 1871-1874, ursprünglich für die Berliner Universitätsbibliothek, errichtet. Der schlichte Backsteinbau des Architekten Paul Emanuel Spieker, eines Vertreters der späten Schinkel-Schule, tradiert das Erbe der zurückhaltenden, strengen Formensprache Schinkels. Das Baumaterial Backstein sowie die Kombination von funktionaler Rasterfassade und der darüber liegenden repräsentativen Rundbogengalerie sind charakteristisch für zahlreiche öffentliche Nutzbauten der Gründerjahre, die bis heute das Berliner Stadtbild prägen.

Das zur Verfügung stehende Grundstück war an drei Seiten durch bestehende Gebäude begrenzt. Diese Disposition musste vor allem hinsichtlich der Belichtung der Räume berücksichtigt werden.

Daher gruppierte Spieker drei Flügel in Form eines liegenden, nach Westen geöffneten U um einen Lichthof herum, wobei die beiden Schenkel in den oberen Stockwerken durch eine an der westlichen Brandmauer verlaufende, schmale verglaste Galerie verbunden sind. Um eine optimale Ausnutzung des Tageslichtes zu erzielen, verlegte er das Treppenhaus in den fensterlosen Bereich und erhellte es durch ein Oberlicht.

Für das Publikum zugänglich war nur der zur Straße hin gelegene Südflügel. Im ersten Geschoss befand sich ein Büchersaal, der als Bücherausgabe diente, im zweiten ein Hörsaal. Darüber erstreckte sich über zwei Stockwerke der Lesesaal, in dem sich auf halber Höhe eine umlaufende Galerie befand, in der weitere Bücherregale aufgestellt waren. Zur Hofseite hin lagen die Katalog- und Beamtenräume. In den beiden übrigen Flügeln (nach Osten und Norden) waren Büchermagazine (und die Hausmeisterwohnung) untergebracht.

Der öffentliche Teil erhielt eine repräsentative Ausstattung. An den Wänden des Treppenhauses hingen vier Gemälde des Historienmalers Otto Knille, welche die „bedeutendsten Lehr- und Kulturstätten Europas“ (Athen, Paris, Wittenberg und Weimar) durch Gruppen berühmter Männer repräsentierten. In den Lünetten des Lesesaals befanden sich Ölgemälde mit je zwei Porträt-Medaillons Berliner Gelehrter von Ludwig Burger. Fünf der ursprünglich sechs Lünetten sind erhalten.

Die Gestaltung der Fassaden basiert auf einer strengen Tektonik, in der nur wenige Dekorationselemente eingesetzt sind. Die Straßenfassade spiegelt die Disposition der Innenräume: Über den beiden unteren, gleichförmig gestalteten Geschossen ist der ehemalige zweistöckige Lesesaal erkennbar, durch hohe, reich profilierte und von Pilastern getrennte Rundbogenfenster hervorgehoben. In den Zwickeln waren Terrakotta-Tondi mit Blumenornamenten eingefügt, ein Kranzgesims schloss die Fassade ab. Tondi und Kranzgesims wurden im Krieg zerstört. Die Segmentbogenfenster der unteren Geschosse folgen in ihrem Dekorationsschema mit der Schmuckzone unterhalb der Fensterbank in vereinfachter Form dem Vorbild der Bauakademie.
Auch das Innere orientiert sich an der Bauakademie und greift auf deren Rastersystem zurück. Die Raumaufteilung in einzelne, gleich große (Gewölbe-) Kompartimente ermöglicht eine klare Raumgliederung und flexible Veränderungen in der Innenstruktur. Fast jeder Einheit ist ein Fenster zugeordnet, das für ausreichende, natürliche Helligkeit sorgt. Besonderes Prunkstück im Inneren ist die gusseiserne Haupttreppe mit ihrer filigranen Eisenkonstruktion – auch dies ein verbreitetes Schinkel’sches Element. Antikisierende Ornamente im Geländer werten das moderne Material des Gusseisens künstlerisch auf, die fortschrittliche Technik legitimiert sich durch ihre Ästhetisierung.

Bereits 1873/1874 beim Einzug der Bestände der Universitätsbibliothek, die bis dahin in mehreren provisorischen Quartieren untergebracht waren, erwies sich der Neubau als zu klein. So wurde im Jahre 1900 auch das westliche Nachbarhaus hinzugezogen. 1914 erfolgte dann der Umzug in den gegenüberliegenden, neu errichteten, neobarocken Repräsentationsbau der Staatsbibliothek Ernst von Ihnes (1848-1917), in dem die UB der HUB bis heute untergebracht ist.

Nach dem Auszug der Bibliothek wurde das Gebäude dem Institut und Museum für Meereskunde zur Verfügung gestellt, das bereits die nördlich angrenzenden Gebäude (Georgenstraße 34-36) nutzte. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, wurde das Meereskundemuseum nach 1945 aufgrund seiner engen Beziehungen zur Deutschen Kriegsmarine und seiner Propagandafunktion aufgelöst.

Der Spieker-Bau war weitgehend von der Zerstörung verschont geblieben. In der Folgezeit nutzte ihn das „Amt für industrielle Formgestaltung der DDR“ (später Designzentrum), das in den Räumen eine umfangreiche Sammlung zur Designgeschichte der DDR anlegte. Im Zuge von Umbaumaßnahmen im Jahr 1986 zog man in den großen Lesesaal eine Zwischendecke ein und richtete auf den entstehenden beiden Ebenen mehrere Büroräume und eine verbindende Treppenführung ein. Dadurch wurde der Lesesaal völlig zerstört. Auch das Dachgeschoss wurde für die Büronutzung ausgebaut. Im Zuge seiner Berufungsverhandlungen erreichte Horst Bredekamp 1993, dass das Gebäude dem Kunstgeschichtlichen Seminar zugesprochen wurde. Seit 1994 sind hier die Zweigbibliothek, Büroräume für Wissenschaftler und Mitarbeiter sowie Diathek, Fotolabor und Forschungsprojekte untergebracht. Es ist wohl das Schicksal dieses Gebäudes, seinen Nutzern jeweils zu wenig Raum zu bieten: Der Platzmangel, der sich schon kurz nach der Errichtung als Universitätsbibliothek bemerkbar machte, ist auch heute noch das größte Problem für das Institut für Kunst- und Bildgeschichte. Ungeachtet dessen hat das Gebäude große historische Bedeutung als letztes Zeugnis der Tradition der Schinkelschen Bauakademie und signifikantes architektonisches Monument in der Berliner Mitte.

Zum Wintersemester 2011/2012 wird das Institut für Kunst- und Bildgeschichte (IKB) in den Neubau in der Georgenstraße 46–48 umziehen.

Weiterführende Lektüre:

Aya Soika: Das Kunsthistorische Institut – die ehemalige Universitätsbibliothek, in: Architektur und Sammlungen der Humboldt-Universität zu Berlin – ein Projekt des Kunstgeschichtlichen Seminars, online unter: http://edoc.hu-berlin.de/buecher/arthistory/soika-aya/HTML/

 

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Ehemalige Bibliothek

Funde

Fotos: Barbara Herrenkind und Andreas Baudisch